Öffentliche Anhörung
Öffentliche Anhörung „Lösungen und Wege im Kampf gegen die Kinderpornographie“
17.03.2010 | FDP
Stellungnahme Trotz Allem e.V., Gütersloh
Sehr geehrte Damen und Herren,
zuerst einmal vielen Dank für die Einladung.
Wir begrüßen diese Anhörung, weil wir hoffen, dass die Diskussion um die Verhinderung der „sogenannten Kinderpornographie“ endlich in die richtige Richtung geht. Nämlich weg vom Internet hin zur realen Welt. Denn eine Dokumentation von sexualisierter Gewalt kann es nur geben, wenn die sexualisierte Gewalt im echten Leben statt findet.
Betroffene sexualisierter Gewalt leben fast immer in großer Sprachlosigkeit. Sie können und dürfen sich niemandem anvertrauen, weil der Täter seine Opfer so geschickt manipuliert, dass das Reden darüber für das Opfer kaum möglich ist.
Die aktuellen Fälle, die im Moment ans Licht der Öffentlichkeit kommen, zeigen deutlich, dass sexualisierte Gewalt nichts mit einer fehlgeleiteten Sexualität zu tun hat, sondern dass es eindeutig um Macht- und Gewaltausübung mittels Sexualität geht. Und dass es in Strukturen, die sehr hierarchisch aufgebaut sind, besonders leicht ist, Vorfälle dieser Art zu vertuschen.
Statistiken gehen davon aus, dass jeder 8./9. Junge und jedes 3./4. Mädchen sexuell missbraucht wird. Bei Mädchen sind es zu 75% nahe Verwandte, meist der Vater oder ein Mann, der die Vaterrolle übernommen hat. Bei Jungen sind es häufig Männer, die in einem Autoritätsverhältnis stehen, wie eben Lehrer, Pfarrer, Trainer, Nachbarn etc.
Das heißt für jede ErzieherIn, für jede LehrerIn, dass wahrscheinlich mindestens ein Kind in ihrer Gruppe betroffen ist. Bei einem Betreuungsschlüssel von 25:1 bzw. von 30, manchmal mehr Kinder in einer Schulklasse; ist doch eine pädagogisch sinnvolle Arbeit gar nicht mehr möglich. Und wenn es einen Verdachtsfall gibt, sind die Jugendämter heillos überfordert. Denn auch sie haben chronischen Personalmangel und häufig keine notwendigen Kenntnisse der Missbrauchsproblematik.
Dennoch sendet ein Kind Signale aus. Diese werden aber nicht wahrgenommen, denn sexualisierte Gewalt ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema. Für das Opfer bedeutet das, dass es durchschnittlich 9mal um Hilfe bitten muss, bis es jemanden findet, der es ernst nimmt! Die nonverbalen Signale, die betroffene Kinder senden, werden fast immer fehlinterpretiert oder gar nicht ernst genommen.
Wenn man also wirklich gewillt ist, etwas gegen den Missbrauch von Kindern zu tun, dann muss dafür Sorge getragen werden, dass solche Signale richtig erkannt werden. Dies geht nur, indem man Menschen dafür sensibilisiert. Das bedeutet nicht nur gezielt und verstärkt Präventionsarbeit in Kindergärten und Schulen zu leisten, das heißt auch Fort- und Weiterbildung für alle pädagogischen Berufe, aber auch für PolizistenInnen, PsychologenInnen, ÄrzteInnen (insbesondere KinderärzteInnen) und TherapeutenInnen. Denn tatsächlich gibt es nach wie vor zu wenig TherapeutenInnen, die eine entsprechende Qualifikation besitzen. Im Gegenteil, wir haben in unserer Beratungsarbeit die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Störungen nicht als Folge des Missbrauchs erkannt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass Krankenkassen nur eine festgelegte Anzahl an Therapiestunden übernehmen. Was bedeutet, dass Therapien mitten in der Behandlung abgebrochen werden müssen. Es sei denn, die Betroffene ist in der Lage, die Stunden selbst zu bezahlen. Was bei sehr schweren Folgeerkrankungen häufig nicht der Fall ist. Viele unserer Klientinnen können kaum ihren Alltag bestreiten, geschweige denn einen Beruf ausüben.
Wenn sexualisierte Gewalt dokumentiert wird und dann im Internet erscheint, ist es für die Betroffenen eine zusätzliche Traumatisierung. Das Sperren solcher Seiten mittels eines Stoppschildes ist aber das falsche Signal. Es symbolisiert nämlich genau das, was die traumatisierten Kinder, die zu traumatisierten Erwachsenen werden, sowieso schon erleben: Eine Gesellschaft, die nicht hinschauen will. Wenn wir aber Kinderpornographie verhindern wollen, müssen wir hinsehen. Nämlich zu den Opfern und sie aus dieser Situation herausholen, indem die Bilder aus dem Internet entfernt werden.
Wenn die Server mit den Bildern nicht in Deutschland sind, sondern woanders, dann muss es eine verbesserte internationale Zusammenarbeit mit den Behörden geben. Und unter Umständen muss dann auf bestimmte Staaten auch politischer Druck ausgeübt werden.
Wir finden es befremdend, wenn nun wieder über neue, angeblich verbesserte Gesetze nachgedacht wird. Denn aus unserer Erfahrung werden die bestehenden Gesetze, die wir haben, nicht ausgeschöpft. Es ist ja nicht so, als hätte man Seiten mit Bildern, die sexualisierte Gewalt dokumentieren, nicht schon vor 2 Jahren vom Netz nehmen können. Die rechtliche Grundlage besteht ja durchaus schon immer. Außerdem werden Täter ganz häufig mit Bewährungsstrafen belegt. Für das Opfer eine absolute Tortur. Erst wird es jahrelang missbraucht, dann fasst es Mut, zeigt den Täter an, muss sich in einer Gerichtsverhandlung ein weiteres Mal vollkommen bloß stellen, in Konfrontation mit dem Täter und am Ende geht er mit einer Bewährungsstrafe nach Hause. Das frustriert im Übrigen auch die ermittelnden Beamten, von denen es definitiv zu wenig gibt.
Das Internet nur als bösen Ort bzw. als rechtsfreien Raum darzustellen, hilft uns in der Diskussion nicht weiter. Genauso wenig wie sinnlose Sperren. Auch hier gilt: Nur durch Kompetenz lernen Kinder und Eltern, wie man mit dem Medium umgeht. Das Internet ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Alles, was es im echten Leben gibt, gibt es natürlich auch im Internet und das wird immer so sein. Das bedeutet, auch hier muss präventiv geschult werden. Kinder müssen nicht nur gestärkt werden in ihrem Recht Nein zu sagen, lernen was gute und schlechte Gefühle sind und gute und schlechte Geheimnisse, sondern auch was gute und schlechte Internetseiten sind. Nur ein kompetenter Umgang mit dem Internet wird auf Dauer verhindern, dass Kinder, vor allem Jugendliche, von sich selbst Fotos, Daten und ähnliches in Netz stellen. Verbote helfen uns auf gar keinen Fall weiter. Denn wir müssen auch bedenken, dass auch für Betroffene das WorldWideWeb ein Ort des Austausches ist. Hier können sich Betroffene anonym austauschen, Erfahrungen miteinander teilen und spüren, dass sie nicht allein sind.
| < Zurück | Weiter > |
|---|










